Flucht! Aber wohin?

Es weihnachtet, das heißt es gibt seit vier Monaten Lebkuchen und Spekulatius in den Supermärkten, seit einem Monat wird eingekauft um Liebe zu schenken, spätestens ab heute finden dann die Familien zusammen, es versucht zusammen zu wachsen was nicht zusammen gehört, es gibt Unmut, Streit und wo nötig Mord, zum Beispiel wenn das Liebe Geschenk nicht gefällt. Sicher, es gibt auch Familien oder andere Gruppierungen, da funktioniert Weihnachten, denen sei’s gegönnt. Ich probier’s dieses Jahr nach sechs Jahren mal wieder aus, die Voraussetzungen sind gut, meine Brüder sind wie ich Radikalatheisten, unsere Eltern werden auch für Weihnachten nicht extra exhumiert, nur die Nachkommenschaft meiner Geschwister wird verhalten weihnachtlich bespasst um Erwartungen, die durch die vermeintlich christliche Außenwelt erzeugt wurden nicht komplett zu negieren, die Plagen nicht in der sozialen Außenwelt zu isolieren.

Nun Sitz einer, der in der Weihnachtszeit besonders am Anderssein leidet, im ICE nach Hessen. Um mich herum fast nur Touristen, zumeist Japaner, und ein paar In-Letzter-Minute-zur-Familie-Reisende wie ich. Ich muss mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzen, das ist deprimierend, aber sonst geht’s einigermaßen, ich beschalle mich mit meinem bassstarken roten Powergeweih, lese die TAZ.


Gerade kam mir der Schriftssteller Günter de Bruyn in den Sinn, er beschrieb dereinst seine (und meine) Situation sehr treffend Bezug nehmend auf einen Protagonisten von Thomas Mann:

„…Wie Tonio Kröger kannten wir (de Bruyn und ich) die Einsamkeit in der Menge. Wie er, hatten wir (de Bruyn und ich) in seelischer Notwehr gelernt, das Leiden an der Gesellschaft als Auszeichnung zu betrachten, Leidensfähigkeit als Auserwähltsein zu empfinden, mit einer Art Stolz also melancholisch zu sein. Von ihm ließen wir (de Bruyn und ich) uns bescheinigen, daß wir (de Bruyn und ich) genauer erkennen und stärker empfinden konnten als andere, die nicht wie wir (de Bruyn und ich) in die Dinge hineinsehen konnten, bis dorthin, wo sie kompliziert sind und traurig werden. Er gab uns (de Bruyn und mir) das Selbstbewußtsein, Schöpfer eigener Werte zu sein.“

Wir sind gleich in Wolfsburg, ich mach mir mal das zweite Bier heute auf…

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