Krass ey, trägst Du Tracht Alder!

CIMG5785Es ist Sonntag im gentrifizierten Bezirk, der schlimmste Tage der Woche:
Die spätgebärenden Eigentumswohnungseigner sind alle unterwegs!
Im Winter hatte ich zuletzt immer das Problem, mich nicht richtig von diesem verhassten Neureichenpack zu unterscheiden: Mein Vorrat an wärmenden Jack Wolfskin Jacken, den ich im Winter aufzutragen pflegte, reihte mich ein in den Prenzelberger Einheitslook – Weddinger Jungkriminelle machten sich lustig über mich: „Krass ey, trägst Du Tracht Alder! Prenzlauer Berg Tracht Adler, komm her, gib mir Dein iPhone Alder, sonst knallts!“

Sie hatten recht, in meinen Wolfskin Jacken sah ich aus wie ein von seiner Gebärmaschine samt Brut verlassener Altvater der trotzig über den Prenzlberg taumelt, Pfandflaschen sammelt um die Alimente zahlen zu können.
CIMG5797Doch das ist jetzt vorbei, gestern wurde meine neue Winterjacke geliefert, nicht von Jack Wolfskin, nicht mal von The North Face, nein von Columbia! Damit wirke ich sicher wie ein treckender Outdoorer von der Schönhauser mit chinesischer Freundin (eine chilenische würde es auch tun) – so zog ich los, ein Spaziergang durch Prenzlberg und Mitte, der Hauptkampfzone zwischen Reich und Arm!
CIMG5791Auf dem Falkplatz kam mir eine dürre Latte Macchiato Mutter mit ihrem CIMG5786Designerkinderwagen entgegen, vor ihr tat sich eine etwa 34 mal 47 Zentimeter große Eisfläche auf dem Wege auf, sie versucht auf die Wiese auszuweichen, kommt jedoch mit den kleinen Vorderrädern des Kindswagens nicht über die Wegbefestigung, frustriert kehrt sie um, wendet mir kurzzeitig ihr Ganzkörperprofil zu, ein Dirndl könnte sie sicher nicht gut ausfüllen, ich fragte mich, wie oder mit was sie wohl ihr Kind säugt.

CIMG5789Auf dem Mauerparkflohmarkt tummeln sich inzwischen fast nur jungsche Hipstertouristen, Englisch und Spanisch sind die meistgesprochenen Sprachen, gefolgt von Italienisch und vom Türkisch und Polnisch der Marktstandbetreiber.

Ich mag dieses bunte Gemisch, dazu gehöre ich jedoch nicht, kaufen kann man als Einheimischer hier schon lange nichts mehr, auch insgesamt habe ich das Gefühl, dass es auf diesem Flohmarkt nicht um’s Kaufen geht, dabei sein ist alles!

CIMG5790Erstaunlich, wie kinderfreundlich der Bezirk ist, Spielplätze an jeder Ecke, „Verbieten müsste verboten werden!“ – das war in den Siebzigern, heute ist alles verboten, mich wundert, dass Kinder noch auf die Spielplätze dürfen, aber da wird der Anwohnerprotest sicher bald Früchte tragen:
DSC_0009Als Anwohner fordert man Spielplatzspielverbote und als Eltern der lärmenden Plagen verklagt man sich dann selbst, oder so! Mein Weg führte mich entlang der ehemaligen Mauer runter zur Chauseestrasse, im Schlot wohnte ich dem Frühschoppen bei, die Lesebühne war gut wie immer, diesmal angereichert von zwei lesbischen Liedermacherinnen die Selbstkomponiertes kreischten.

Selbstironisch sind se ja!

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