Der Feind an ihrer Seite: Besuch bei Familie Vögele!

Ich mag sie nicht, ich heuchle ihnen nur Freundschaft vor!
Kennen gelernt hab ich Andreas Vögele bei betterworx als ich mal meinen Mac von der Reparatur abholte. Er kaufte sich gerade ein MacBook Pro (das Luxusmodel mit 17 Zoll-Display), sein Sohn Ferris-Kimon war dabei, der siebenjährige durfte sich ein neues Etui für sein iPhone 4 aussuchen, zusammen gaben die beiden mal eben 2800 €uro aus.
Ab dem ersten  Moment waren mir die beiden unsymphatisch, aber beim Bezahlen bekam ich mit, dass wir fast Nachbarn sind. Da mir der Heimtransport meines geliebten Apfels in den ungeliebten öffentlichen Verkehrsmitteln bevorstand, fragte ich den mir bis dahin unbekannten Andreas Vögele ob er mich mit hoch zur Schönhauser nehmen könne.
Ich konnte seine Gedanken lesen: Wie sieht DER denn aus, lange Haare, Billigjeans, T-Shirt und Bierbauch, wird er mein  Auto schmutzig machen? Nee, sauber ist er ja.


Zu meiner Überraschung sagte er mit süddeutschem Akzent JA, also das JA überraschte mich, der süddeutsche Akzent keinesfalls. Ferris-Kimon war allerdings dagegen, die kleine Ratte. Aber ich durfte trotzdem mitfahren. Ein Audi Q5, ziemlich neu, kostet in der Grundausstattung knappe schlappe 35000€.
Ich dachte nach als ich auf dem lederbezogenen Beifahrersitz saß:
Ich bin der führende Gentrificationforscher und -Dokumentator des Prenzlauer Bergs, bisher habe ich meine Studien immer nur auf den Straßen und Plätzen des Bezirks sowie in Gastronomie und Einzelhandel betrieben, in der Höhle der Löwen war ich noch nie. Wenn ich mich also mit der mir bis dahin fast unbekannten Gentrification Familie anfreunden würde…

Das war vor einem halben Jahr, ich gebe mich bis heute als gebürtiger Prenzlberger aus obwohl ich gebürtiger Hesse bin. So ein gebürtiger Prenzlberger fehlte wohl in Andreas‘ Umfeld, wir tauschten unsere Nummern, gingen ein paar Tage später mal ein Tannenzäple am Kollwitzplatz trinken.
Mitte November hatte ich es geschafft, ich war ein Freund der Familie, aber kein wohlwollender.
Die Familie Vögele:
Andreas stammt aus Karlsruhe, Katja aus Neckarsulm, beide kamen 1995 schon als Paar zum fertig studieren nach Berlin, er Jura, sie Bibliothekswissenschaften und Soziologie. Er wurde irgendwann Rechtsanwalt und sie wurde Ende 2003 schwanger, bekam mit Kimon-Ferris das unsympathischste Kind des Bezirks. 2004 kauften sie für 400000 €uro mit Unterstützung seiner und ihrer Eltern ein luxusausgebautes Dachgeschoss in der Paul-Robeson-Strasse, gleich bei mir um die Ecke. 2008 gebar sie inzwischen vierzigjährig Felise-Marielle. Er ist inzwischen ein erfolgreicher Rechtsanwalt in einer Großkanzlei in Charlottenburg und sitzt für die Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung, sie beschäftigt sich mit ihren Kindern, dem Verfeinern der Wohnungseinrichtung wie sie gerne selbst sagt und Esoterik, ausserdem will sie ein Buch über anthroposophische Ernährung schreiben.
Gestern war ich mal wieder zu Besuch, ich musste erzählen, wie wir früher in der DDR Weihnachten gefeiert haben:
Ich schwärmte vom Marzipan das eigentlich künstlich aromatisiertes gezuckertes eingedicktes Erbspüree war und Legupan hies, von der Schwierigkeit Kerzen für den meist schmächtigen Weihnachtsbaum zu bekommen. Es gelang mir Tränen in meine Augen zu drücken als ich eine Geschichte erfand, in der meine Mutter 1977 die geerbte echt goldene Taschenuhr ihres Großvaters am Alex für 50 DM an einen Westdeutschen verkaufte um im Intershop Orangen und Lego für mich als Weihnachtsgeschenk zu kaufen. Als ich merkte wie die Geschichte ankam reimte ich weiter, natürlich hatte die Stasi meine Mutter bei dem verbotenen Uhrenverkauf observiert, sie saß vom 23. Dezember 1977 bis zum 4. Januar 1978 im Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen, seitdem hat sie Asthma, nach der Wende bekam sie 278 DM Opferentschädigung und lebt heute 75jährig von einer sehr kleinen Rente in Weissensee, auf die Rückgabe des Legos wartet sie bis heute.
Andreas war betroffen (und schon länger besoffen), Katja musste weinen, ich biss mir auf die Zunge um nicht zu lachen. Ich bat dann die beiden noch, an meine Mutter zu denken wenn sie mal wieder eine Putzfrau suchen. Katja hielt das für eine gute Idee, überlegt jetzt, ob sie ihre derzeitige polnische Putzfrau Elena zugunsten meiner Mutter entlässt.
So war das, dann erzählten sie von ihrem Weihnachtsfest, ich fasse es mal mit meinen Worten zusammen:
Mitte Dezember kauften sie sich ein bei Vollmond abgesägtes drei Meter hohes Nadelgehölz aus nachhaltiger Produktion, echte Biobäume waren nicht zu bekommen. Den ehemaligen Wald behängten sie mit selbstausgesägtem Bioholzweihnachtsschmuck und brachten Bienenwachskerzen an. So wurde das Gehölz drei Wochen in der Dachgeschosswohnung getrocknet. Da sie Ferris-Kimon im Winter nicht im überbreiten Fahrradanhänger sondern mir dem SUV in die private Grundschule in Mitte bringen, können sie damit auch nicht den Radweg blockieren, da passt es ganz gut, dass man im Moment zum Ausgleich die trockenen Nadelbäume auf den Radwegen ablegen kann.

Weihnachten waren sie in Berlin, seine Eltern waren da, ihre sind auf Karibikkreuzfahrt und  kommen Ende Januar zum Weihnachten nachfeiern. Katja überlegt dann noch einen Weihnachtsbaum zu kaufen (und drei Wochen später damit den Radweg zu sperren). Ferris-Kimon bekam zu Weihnachten eine Bratsche und spielte uns vor, ab Mitte Januar nimmt er Unterricht, Klavier macht ihm keinen Spass mehr. Dann wurden noch Unmengen weitere teuer-sinnloser Geschenke gezeigt, ausserdem erfuhr ich, dass Katja schon wieder schwanger ist und die dreieinhalbjährige Felise-Marielle deswegen abstillt. Deswegen abstillt? Das kann sie sich doch mit ihren ausgenuckleten Eutern auch sparen und sich von Kind 2 zu Kind 3 übergangslos durchmelken lassen.

Mit der Diktiegerät-App meines iPod touch nahm ich die Gespräche des Abends für Dokumentations- und Publikationszwecke auf.
Ehe ich ging ging ich nochmal ins Luxusbad und reinigte mir mit drei bereitstehenden HighEndUltraschallElektrozahnbürsten Achselhöhlen und Intimbereich, den ich war noch verabredet…

Heute rief mich Katja an, mit tränenschwerer Stimme fragte sie mich, ob ich Patenonkel des dritten Kindes werden wolle. Als ich ja sagte fing sie vor Rührung an zu weinen. Das mit der Putzstelle für meine Mutter klappt wohl auch, die arme Elena,
Wer einen Feind wie mich hat braucht keine Freunde!

Wie wird es weitergehen mit mir und Familie Vögele?

Bei jedem Besuch werde ich irgendetwas in der Wohnung schänden, das mit den Zahnbürsten hat Spass gemach. Für 2012 plane ich mit Andreas, wenn er mal wieder total betrunken ist, spontan in ein Dominastudio zu gehen. Kimon-Ferris muss ich irgendwie traumatisieren, den kleinen Sack. Katja lass ich erstmal in Ruhe solange sie schwanger ist, Felise-Marielle könnte ich nie etwas tun, die ist ok.

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3 Gedanken zu „Der Feind an ihrer Seite: Besuch bei Familie Vögele!

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